Veröffentlicht von Haller Kreisblatt Am 24 - November - 2015

baxterQuelle: www.haller-kreisblatt.de / HALLER KREISBLATT

„Warum sagt ihr denn jetzt alle nichts“, fragt Christiane Wolf und schaut in die Runde. Vor ihr sitzen im Konferenzraum der Firma Baxter 14 Anwohner der Helmholtzsiedlung, zudem Vertreter des Pharmaunternehmens sowie vom Kreis und von der Bezirksregierung. Der Pharmaproduzent hat zu dem Treffen eingeladen, um den Anwohnern den Betrieb von innen zu zeigen. Die Anschuldigungen Wolfs, der Krebsmittelproduzent würde giftige Dämpfe in die Umwelt verteilen, welche die Gesundheit der 65-Jährigen angreifen (das HK berichtete), sollen an diesem Nachmittag entkräftet werden. „Wir laden Sie heute ein, sich unser Betriebsgelände und unsere Produktion anzuschauen“, sagt Personalleiter Jürgen Fleischer. Man habe nichts zu verbergen und öffne daher die Türen. „Wir wollen Ihr Vertrauen gewinnen“, sagt Standortleiter Dr. Burkhard Wichert. Wolf hofft hingegen auf Mitstreiter im Kampf gegen den Großkonzern, findet jedoch in der Runde der Anwohner wenig Zustimmung. Einzig ihre Nachbarin Roswitha Hendriksen ergreift das Wort und berichtet davon, dass „mehrere Bewohner der Siedlung gesundheitlich angeschlagen sind.“ Sie selbst habe seit neun Monaten Flecken im Gesicht, die bisher kein Hautarzt erklären könne. „Da ist was im Blut, aber keiner weiß, was es ist“, sagt Hendriksen. Sie habe Angst, dass hier giftige Dämpfe entweichen könnten. Diese Dämpfe seien, so sieht und erklärt es Wolf zu Beginn der Runde, zweierlei Natur. Zum einen käme in unregelmäßigen Abständen ein Gestank aus Richtung der firmeneigenen Kläranlage. Zum anderen bewege sich immer wieder eine „Chemiebombe“ auf ihr Haus zu. Die Inhaltsstoffe nehme sie als Farben wahr. „Es gibt gelbe, rote und blaue Stoffe. Manchmal kommt auch Lila hinzu. Das ist dann mein ärgster Feind“, sagt Wolf und erntet etwas fragende Blicke. „Ist gut“, sagt Eckard Wolf und legt beruhigend die Hand auf den Arm seiner Frau. „Lasst uns jetzt aufhören und zur Kläranlage gehen“, rät Anwohner Manfred Karte. „Eine gut Idee. Wir drehen uns ja auch gerade ein wenig im Kreis“, entgegnet Fleischer. Wolf berichtet jedoch davon, dass in ihrer Wahrnehmung kleine, haarige Männchen an ihren Knochen knabbern. „Das kenne ich. Das ist so ein Krabbeln unter der Haut“, stärkt ihr Hendriksen erneut den Rücken. Die Baxter-Verantwortlichen erklären zum Abschluss die Produktionsabläufe unter sterilen Bedingungen. „Bei uns kommen keine Partikel rein und es gehen auch keine raus“, sagt Technikleiter Frank Generotzky. Man verfüge über die weltweit modernsten Anlagen und habe einen Standard, auf den andere neidisch seien. Im Anschluss an die konstruktive Diskussionsrunde gehen die Teilnehmer zur Kläranlage. Bis auf Christiane Wolf. Die versucht es zwar, wendet jedoch etwa 200 Meter vor der Anlage und geht auf ihren Rollator gestützt zurück zum Firmentor. Ihr Mann geht hingegen mit und schaut sich am Ende auch noch die Produktion an. „Ich rieche zwar nichts, aber ich vertraue meiner Frau“, sagt Eckard Wolf. „Wir sind ja bald 50 Jahre verheiratet“, ergänzt er. Weniger Verständnis hat eine Anwohnerin für die Aktion. „Ich habe zwar die Liste von Frau Wolf unterschrieben, aber nur, damit wir Ruhe haben“, sagt die Seniorin. Sie lebe hier bereits viele Jahrzehnte. Eine Gefahr habe sie nie festgestellt. Sie vertraue dem Unternehmen.